Szenen einer Ehe von Rainer Joedecke

Da sitzt zwar noch einer in diesem Auto, der Beifahrer, aber den vergisst er einfach zu erwähnen, wenn man ihn nicht direkt darauf anspricht. Mit Christian Geistdörfer ist er zwar „in einem Jahr so viel zusammen wie mit der Frau in fünf Jahr“, und das „auf engstem Raum, unter größtem Druck“, mit dem Christian hat er alle seine großen Erfolge eingefahren, mit dem läuft er „auf der gleichen Welle“ – doch kommt in seiner Rede ein „wir“ so gut wie niemals vor. Und wenn….Als er mir einen schweren Unfall schildert, bei der Rallye San Remo 1984, wo sie sich mit Tempo 180 überschlagen haben, sagt er: „Uns is nix passiert. Ich hab noch nie an Kratzer g´habt, solang ich Auto fahr.“ Ihm ist da nichts passiert, das stimmt. Der Christian allerdings ist nur knapp davon gekommen. Er hat sich einen Wirbel angebrochen, und der Schädel ist ihm „aus der Achs g´hupft“. Christian war drei Monate außer Gefecht und laboriert heute noch an dieser Verletzung. „Vom Beifahrer erwarte ich, dass er im Auto fehlerfrei arbeitet,“ sagt der Fahrer. „Und darüber hinaus ist für mich der Beifahrer etwas, was ich als Notwendigkeit sehe, vor allem, um mir mein Leben angenehmer zu machen. Der muss mir alles Organisatorische abnehmen, so dass ich nur Auto fahren muss.“ Zwei Köpfe kleiner als der Chef, rundlich, ruhig, ausgeglichen, bildet der Christian das augenfällige Gegenstück zu Walter Röhrl. Er hat Ausstrahlung, den milden Charme souveräner Gelassenheit. Offensichtlich eins mit sich und der Welt, hat er so ein Lächeln in den Augen glimmen, das er bei Bedarf in allen Schattierungen strahlen lassen kann und das so ansteckend ist wie die asiatische Grippe. Im Auto dann, total entspannt in seinem Schalensitz ruhend – ich kann mir nicht helfen, der Röhrl daneben wirkt einfach wie sein Chauffeur. „Gemma!“ sagt der Christian dann und drückt auf die Starttaste des Bordcomputers.

Dafür, dass Walter Röhrl nur „fahren, ankommen und aussteigen“ muss, sorgt Christian auch außerhalb des Autos. „Der Walter ist ein wahnsinnig egozentrischer Mensch. Der ist auf sich selbst fíxiert. Mit dem, was da um ihn rum ist, hat er an und für sich wenig zu tun. Das nimmt er gar nicht richtig wahr.“ Christian Geistdörfer hält seinem Chef die Außenwelt vom Leib. Er kümmert sich nicht nur um alles Organisatorische – vom Studium der Ausschreibungsunterlagen bis zur Frühstücksbestellung im Hotel -, er sorgt auch dafür, „dass die Leute, die dahinter stehen, an der Kandare gehalten werden.“ Die Leute dahinter: Das ist das Werksteam, ein weitgezweigter Apparat, der vom Mechaniker bis in die Vorstandsetage von Audi reicht. Damit muss man umgehen können. „Der Walter ist halt ein Choleriker. Wenn da mit dem Auto was nicht stimmt, dann tobt er halt. Ich lass ihn dann flippen, weil ich seh, dass er das braucht. Und dann richt ich das mit den Leuten, hintenrum, ohne dass er da groß was von merkt.“ Er kann mit Leuten umgehen, der Christian, auch mit Walter Röhrl. „Ich kann ihn zur gegebenen Zeit entsprechend lenken, ohne dass er´s selber merkt. Das ist die Kunst, jemanden an der ganz, ganz langen Leine zu führen.“ Seit zehn Jahren sind die beiden jetzt zusammen, ein Paar wie Don Quijote und Sancho Pansa. Der einsame, weltfremde Ritter und sein Knappe, der – ganz von dieser Welt – dafür sorgt, dass sein Herr nicht ganz den Boden unter den Füßen verliert. „Sancho“ Christian kommt auch bei seiner untergeordneten Rolle voll auf seine Kosten. „Ich hab mir mit dem Sport unheimliche Dinge eröffnet, die normalerweise nicht so leicht zu verwirklichen sind. Für mich ist das eine ideale Kombination von Hobby, Beruf und Reisen.“ Für Christian ist das einfach Spaß, der Sport, „das Gefühl von Geschwindigkeit, die Bewegung, die das Auto macht.“ Für „Ritter“ Röhrl ist der Sport mehr: ein Ideal, ein Leitbild fürs Leben. „Im Sport muss ich mir immer wieder zeigen, wo die Grenzen sind. Ich kann das nicht: einfach so dahinleben. Ich muss Leistung bringen, mich schinden. Dass einer sich schindet, das ist ein Wertbegriff für mich